Im Kampf gegen Adipositas


Low Fat oder Low Carb?

Übergewicht und seine Folgeerkrankungen weiten sich zu einer globalisierten Epidemie aus. Wenn Empfehlungen zu gesunder und ausgewogener Mischkost nicht greifen, wenn das Übergewicht längst Überhand genommen hat, suchen Mediziner und Ernährungswissenschaftler nach Wegen, der epidemischen Zunahme der Adipositas zu begegnen. In einer Podiumsdiskussion in München wurden die hierbei eingesetzten Diätstrategien mit reduzierter Aufnahme von Fetten oder von Kohlenhydraten kontrovers diskutiert.

Die USA übernehmen in der Prävalenz der Adipositas eine Vorreiterrolle. Doch auch in Deutschland entwickeln sich Übergewicht und Adipositas zu einer Epidemie, wie Dr. Herwig Ditschuneit, Leiter der Stoffwechselambulanz der Medizinischen Universitätsklinik in Ulm, in seinem Eingangsvortrag darstellte.
Nach Daten aus dem Bundes-Gesundheitssurvey von 1998 sind 39,7 % der Erwachsenen in Deutschland mit einem BMI zwischen 25 und 30 kg/m² übergewichtig, 20,2 % der Erwachsenen mit einem BMI über 30 kg/m² gelten als adipös. Die Bundesrepublik gehört damit zu den Ländern mit mehr Übergewichtigen als Normalgewichtigen, Tendenz steigend. Besorgniserregend ist der Anstieg der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. In Jena beispielsweise stieg die Adipositas bei Schulkindern in den letzten 20 Jahren um 85 %.

Was ist schuld an der „Epidemie“ der Adipositas?

Eine Vielzahl von Umweltfaktoren, wie eine veränderte Nährstoffzusammensetzung, höhere Energiedichte und der zunehmende Verbrauch von Industriezucker, werden hierfür verantwortlich gemacht.

Dass uns die USA im Zuckerkonsum genauso wie im Trend zu Adipositas und der Folgeerkrankung Diabetes einen Schritt voraus sind, zeigte sich auch im detaillierten Situationsbericht von Dr. Stuart Trager, dem medizinischen Direktor von Atkins Nutritionals in den USA. Er propagierte die Atkins-Ernährungsweise als praktikable Strategie im Kampf gegen Adipositas, zur Reduktion von Übergewicht und auch zur nachhaltigen Vermeidung von Gewichtszunahme. Neben dem Verzicht auf raffinierte Fette ist vor allem der äußerst reduzierte Gehalt an Kohlenhydraten charakteristisch für diese Strategie. Mit einer extremen Reduktion der Kohlenhydrate auf 20 Gramm pro Tag zu Beginn einer Diät und einer geringen Steigerung in zwei Phasen soll sich der Energiestoffwechsel auf Dauer so umstellen, dass vermehrt Fette und Proteine aus der Nahrung abgebaut werden und die Insulinproduktion gesenkt wird.
Bei dieser Ernährungsweise mit Proteinüberhang, Salaten und einigen kohlenhydratarmen Gemüsesorten wird eine Supplementation mit Vitaminen und Mineralien empfohlen.

In einigen Studien, in denen Diäten mit spezifischer Reduktion von Fetten und Kohlenhydraten verglichen wurden, beobachtete man bei Probanden mit verminderter Kohlenhydratzufuhr eine deutlichere Gewichtsabnahme als in der Vergleichsgruppe mit Fettreduktion, auch wenn die Kalorienzahlen vergleichbar waren.
Dass auch in den Ernährungswissenschaften der thermodynamische Leitsatz gilt – „Eine Kalorie ist eine Kalorie“ – zeigen Langzeitbeobachtungen, nach denen Probanden nicht nur weniger Kohlenhydrate, sondern auch insgesamt weniger Kalorien zu sich nahmen.
Befürworter von Low-Carb-Diäten stellen dagegen eine Hypothese auf, die besagt, dass bei extremem Kohlenhydratmangel die Möglichkeit bestehen könnte, dass durch Glukoneogenese und Thermogenese aus Proteinen mehr Kalorien verbraucht werden.

Die DGE bleibt bei ihren Empfehlungen

Professor Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fesenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der TU München, erläuterte die momentane Datenlage zum Thema kohlenhydratarme Ernährung.

Obwohl diese Ernährungsstrategie schon seit etwa 30 Jahren praktiziert wird, gibt es erst seit einigen Jahren wissenschaftliche Studien, die alle nur etwa die Beobachtungsdauer von einem Jahr umfassen. Auf der Basis dieser Daten kann man keine Aussagen zu den Langzeitfolgen einer solchen Ernährungsstrategie machen. Als Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung teilt er die bei einem Symposium im Juni dieses Jahres gefällten Beschlüsse der DGE, die nach den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Anlass sieht, die bestehenden Ernährungsempfehlungen zu revidieren.

Auch weiterhin gilt, dass eine ausgewogene Ernährung mit einer ausgeglichenen Energiebilanz und reichlich körperlicher Bewegung langfristig am ehesten geeignet sind, Übergewicht zu vermeiden oder abzubauen.

Hauner zeigte auch einige Probleme von Low-Carb-Diäten auf. Nach dem Gewichtsverlust zu Beginn der Diät halten Patienten oft nicht lange durch, wegen der begrenzten Auswahl von Lebensmitteln wird eine geringe Compliance beobachtet. Auch wenn viele Elemente der Atkins-Strategie sinnvoll sind, muss eine ausreichende Zufuhr aller Nährstoffe sichergestellt werden.

Offen bleibt auch die Frage, ob die Vermeidung von Kohlenhydraten auf Dauer sinnvoll ist. Bei einem Teil der Patienten steigen die Cholesterinwerte, die daraus resultierenden Langzeitfolgen für das Gefäßsystem und entzündliche Prozesse sind nicht bekannt, da die Probanden nie länger als ein Jahr beobachtet wurden. Die hohe Proteinaufnahme könnte bei Patienten mit unerkannten Nierenfunktionsstörungen gefährlich sein. Wie auch bei anderen Diäten wird eine Kontrolle von Blutwerten, Herz, Kreislauf und Nieren empfohlen.

Einstiegs-Strategie für Problemfälle

Nach einer Phase der Low-Fat-Fixiertheit sollte nicht ein Bösewicht gegen einen anderen ausgetauscht werden. Konsens herrschte unter den Diskussionsteilnehmern, dass Low-Carb-Diäten für Menschen mit starker Fettleibigkeit und langer, erfolgloser Diäthistorie eine der möglichen Strategien zum schnellen Gewichtsverlust bieten können. Es fehlen jedoch eingehendere Studien, für welche Patientenzielgruppen die Low-Carb-Diäten geeignet und sicher anwendbar sind und dazu, wie das Gewicht anschließend auch langfristig gehalten werden kann.

Wie bitter nötig erfolgreiche Strategien zur Prävention und Bekämpfung von Übergewicht sind, zeigt die Statistik, nach der in den USA etwa ein Drittel der Bevölkerung ständig irgendeine Form von Diäten durchführt. Dass Bildung und Aufklärung hier helfen können, belegen andere Zahlen: Unter Akademikern tritt Adipositas zehnmal seltener auf. Neben Studien zum Diäterfolg bei Übergewichtigen ist die Analyse bewährter, gesunder Ernährungsstrategien Normalgewichtiger eine der spannenden Aufgaben der Zukunft.

Quellen:

  • Podiumsdiskussion „Low Fat versus Low Carb“ München, 20.09.2004, Atkins Nutritionals, Inc.
  • AAM Alterns- Ästhetische Präventiv-Medizin Ausgabe 05/2004

Bild: Protina

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