Experten-Interview mit Dr. Mirjam Schäuffele


Wir bleiben bei unserem Thema der Woche, die Darmgesundheit. Nachstehend ein interessantes Interview darüber mit Dr. Mirjam Schäuffele, Assistenzärztin für Innere Medizin.

Wie hoch ist der Anteil an Erwachsenen, die gelegentlich über Bauchschmerzen oder Verdauungsprobleme klagen?

Dr. Mirjam Schäuffele: Gelegentliche Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme sind sehr häufig. Jeder dritte Patient, der in Deutschland einen Arzt aufsucht, tut dies wegen Beschwerden im Magen-Darm-Trakt.

Was sind dafür die häufigsten Ursachen?

Dr. Mirjam Schäuffele:

1. Das Reizdarmsyndrom (Colon irritabile), Häufigkeit bis zu 20 % der Bevölkerung.
2. Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), hier haben wir eine Häufigkeit von 1:500 in Deutschland.
3. Gallensteine (Cholelithiasis). 10-15 % der Bevölkerung sind davon betroffen, Beschwerden haben davon nur ca. 25 %.
4. Dyspepsie, wovon etwa 5 % der Gesamtbevölkerung betroffen sind: Zu den Symptomen gehören unspezifische, mit der Nahrungsaufnahme verbundene Oberbauchbeschwerden, Völle- und Druckgefühl, krampfartige Beschwerden, eventuell mit Übelkeit oder Schluckauf. Davon sind bei 50 % der Patienten organische Erkrankungen (Säurereflux, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre, Magenentzündung (Gastritis) durch Medikamente und Helicobacter pylori, ein Bakterium, oder Magenkrebs) nachweisbar, bei den an-deren 50 % handelt es sich um sogenannte funktionelle, dyspeptische Beschwerden ohne zugrundeliegende Organerkrankungen.
5. Verstopfung (Obstipation) trifft weltweit ca. 12 % der Bevölkerung, oft durch mangelnde oder fehlende Bewegung, zu geringe Flüssigkeitsaufnahme und faserarme Kost.

Es folgen Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Divertikulitis, Blinddarmentzündungen und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis Ulcerosa/ Morbus Crohn).

Was kann man vorbeugend Gutes für seinen Darm tun?

Dr. Mirjam Schäuffele: Wichtig ist eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung mit einer ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme. Zu hoher Konsum von rotem Fleisch wird in Zusammenhang mit der Entstehung von Darmkrebs gebracht und sollte daher in Maßen, nicht in Massen verzehrt werden. Zudem sollte auf eine regelmäßige körperliche Betätigung geachtet werden.

Wie werden chronische, entzündliche Darmkrankheiten behandelt?

Dr. Mirjam Schäuffele: Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn werden unter dem Sammelbegriff der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zusammengefasst. Die Häufigkeit der jährlichen Anzahl an Neuerkrankungen liegt bei ca. 5-10 pro 100.000 Einwohner. Bei 15 % der Patienten bestehen lediglich Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Schwäche und Fieber. Eher charakteristisch sind diffuse Bauchschmerzen und Durchfall mit selten Blutbeimengung in 2/3 der Fälle. Beim M. Crohn kann der gesamte Verdauungstrakt durch die chronische Entzündung betroffen sein. Oft schleichender Beginn mit einem weiteren Verlauf in Schüben. Es kommt zu Komplikationen wie Fistelbildung (Verbindung des Darms mit anderen Organen oder der Körperoberfläche), Bildung von Engestellen (Stenosen) durch Entzündung und Vernarbung, Abszessen oder auch Strikturen. Außerhalb des Darmes können Gallenwegsprobleme, Gelenkbeschwerden oder Nierensteine auftreten. Da der gesamte Magen-Darm-Trakt befallen werden kann, ist eine operative Heilung nicht möglich. Im akuten Schub kann eine Diät mit ballaststoffarmer Nahrung oder unter Umständen parenteraler Ernährung die Symptome lindern. Eine medikamentöse Therapie erfolgt mit entzündungshemmenden Medikamenten wie 5-Amino-Salicylate, Cortison und Immunsuppressiva. Weiterhin spielen Antibiotika eine Rolle.

Bei Verwendung von Immunsuppressiva kommt es gehäuft zu Nebenwirkungen wie Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark oder Bauchspeicheldrüsenentzündung. Es stehen auch neuere Medikamente, die sogenannten Immunmodulatoren wie Infliximab (ein gegen Tumornekrosefaktor gerichteter Antikörper) zur Verfügung, der die Krankheitsaktivität für 6 Wochen bis 6 Monate deutlich verringern kann. Eine chirurgische Therapie mit Entfernung betroffener Darmabschnitte ist unter Umständen unerlässlich, um schwere Komplikationen wie Stenosen, Fisteln, Abszesse oder Darmdurchbruch zu vermeiden oder zu behandeln. Im Gegensatz dazu wird bei der Colitis Culcerosa die chronische Entzündung auf den Dickdarm beschränkt. Der Enddarm ist immer befallen. Es kommt oft zu einem akuten Beginn mit einem weiteren Verlauf in Schüben. Gehäuft treten blutig-schleimige Durchfälle auf. Es können Komplikationen auftreten wie schwere Blutungen bis hin zur Entstehung von Darmkrebs. Erscheinungen außerhalb des Darmes wie Gallenwegsprobleme und -steine, Gelenkbeschwerden und Nierensteine oder auch Gallenwegsentzündungen treten seltener als beim M. Crohn auf. Bei der Colitis Ulcerosa ist die operative Entfernung des Dickdarms nach Ausschöpfen der obig bei M. Crohn genannten konservativen und medikamentösen Therapie die zwar letzte, aber wenn nötig, endgültig heilende Therapie.

Sollte man ab und zu fasten oder seinen Darm auf eine andere Weise „reinigen“?

Dr. Mirjam Schäuffele: Mir liegen keine wissenschaftlich begründeten Unterlagen für oder gegen das Fasten bzw. eine wie auch immer durchgeführte Darmreinigung vor. Wenn dies aus persönlichen oder religiösen Gründen erfolgt und körperlich vertretbar ist, ist dagegen nichts einzuwenden.

Quelle: medicalpress.de – Artikelbild: H&S Tee-Gesellschaft mbH & Co. KG

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