Depressionen vorbeugen: Interview mit Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer


Wie schließen die Woche noch rund um das Thema Depressionen. Im Experteninterview erklärt Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer, Stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Bonn, die wichtigsten Fakten dazu.

Ab wann spricht man von einer Depression?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Von einer klinischen Depression spricht man, wenn depressive Symptome wie Konzentrationsstörungen, ausgeprägte Freudlosigkeit, Appetitlosigkeit und Hoffnungslosigkeit in starker Ausprägung für länger als zwei Wochen vorhanden sind und das normale Funktionieren im Alltag beeinträchtigen.

Sind Frauen häufiger betroffen?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Ja, bei Frauen wird in der Tat etwa doppelt so häufig eine Depression diagnostiziert wie bei Männern. Es gibt viele Hypothesen, die versuchen, diese Tatsache zu erklären. Die überzeugendste ist vielleicht, dass Frauen viel eher dazu bereit sind, bei ihrem Arzt über psychiatrische Symptome zu sprechen und ihre veränderte Gefühlslage zu reflektieren. Bei Männern verstecken sich klassische depressive Symptome oft hinter explosiven Gefühlsausbrüchen, verminderter Geduld sowie sozialem und kommunikativem Rückzug. Es könnte also durchaus sein, dass Depression grundsätzlich bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig vorkommt, bei Männern aber seltener als solche erkannt werden.

Gibt es einen Typen, der besonders anfällig ist?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Es kann davon ausgegangen werden, dass es eine notwendige Voraussetzung zum Auftreten einer Depression eine genetische Vulnerabilität, also eine vererbte Verletzlichkeit ist, die Menschen anfälliger für negative Auswirkungen von Stress macht. Diese Verletzlichkeit kann man Menschen nicht ansehen, zur Zeit nicht mit biologischen Untersuchungsmethoden feststellen und kommt auch nicht bei gewissen Persönlichkeitstypen mit großer Häufigkeit vor. Kurz gesagt, Depression kann jeden und jede treffen.

Warum spricht man in der kalten Jahreszeit vom sogenannten „Herbst-/Winterblues“? Welche Auswirkungen hat die dunkle Jahreszeit auf die Stimmung und warum ist das so?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Es gibt eine Unterform der Depression, die so genannte „saisonale Depression“, die mit einer besonderen Häufung in den Wintermonaten auftritt. Diese Unterform der Depression spricht besonders gut auf die Lichttherapie an, aber auch bei anderen Depressionsformen kann es eine deutliche Verschlechterung der Symptome während der dunklen Jahreszeit geben. Es wird angenommen, dass der Grund für diese Verschlechterung der relative Mangel von gewissen Überträgerstoffen ist, die bei größerer Lichtexposition und größerer körperlicher Aktivität nicht so ausgeprägt ist.

Welchen Nutzen haben pflanzliche Präparate und wann sollte man lieber zum Arzt gehen?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Grundsätzlich können gewissen pflanzliche Präparate, insbesondere Johanniskrautextrakte bei sehr leichten Depressionsformen von einem gewissen Nutzen sein. Bei stärkerer Ausprägung der Symptome oder längerem Anhalten derselben sollte aber unbedingt der Hausarzt aufgesucht werden.

Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der Forschung?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Ganz neue Erkenntnisse aus der Neurobiologie haben ein sehr viel klareres der der Depression zugrunde liegenden Veränderungen im Hirn gegeben. Insbesondere weiß man heute, dass Emotionen im Hirn durch ein ausgedehntes Netzwerk von Gefühlszentren im Hirn verarbeitet wird, von Zentren, die miteinander sowohl chemisch als auch elektrisch kommunizieren. Dieses neue Verständnis der Depression ermöglicht die Entwicklung von ganz neuen Therapieverfahren, die zur Zeit erforscht werden. Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass gerade für diejenigen Patienten, die an schwersten therapieresistenten Depressionen leiden, neue Behandlungsmöglichkeiten gefunden werden.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Burn-out und Depressionen?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Nach meiner Meinung ist Depression und Burn-Out genau das gleiche, Burn-out ist lediglich ein Begriff, der nicht oder noch nicht gesellschaftlich stigmatisiert ist und der deshalb eine gewissen Berechtigung hat. Allerdings ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft begreifen, dass die Depression eine Erkrankung ist, die alle betreffen kann und die in keiner Art und Weise nur Menschen betrifft, die sich nicht zusammenreißen können oder wollen.

Was können Angehörige tun?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Depression ist eine Krankheit, die nicht nur Patienten, sondern ganz oft auch deren Angehörige schwer belastet. Das größte Problem ist vielleicht, dass depressive Patienten emotionale Zuwendung nicht annehmen können und sie ablehnen und sie dadurch zu einer Rückweisungsreaktion bei ihren Angehörigen auslösen. Es ist wichtig zu wissen, dass depressive Patienten krankheitsbedingt Emotionen weder annehmen noch spüren können und deshalb in besonderem Maße Rücksicht und Toleranz brauchen.

Wie groß ist die Heilungschance?

Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer: Grundsätzlich spricht ein sehr großer Teil der Patienten auf eine Kombinationstherapie mit Psychotherapie und Medikamenten sehr gut an. Es ist aber von großer Bedeutung, dass man Medikamente über eine sehr lange Zeit, viele Monate nach dem Verschwinden der depressiven Symptome, weiter einnehmen muss, um einen Rückfall zu verhindern.

Quelle: medicalpress.de

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